Internationale Tagung
Netzwerk Gendermedizin&Öffentlichkeit
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Universitätsmedizin Greifswald
Land Mecklenburg-Vorpommern

Bettina Pfleiderer
Foto: Ulrike Dammann
Professorin Bettina Pfleiderer:
Die Pandemie hat Folgen für Gesellschaft und Medizin

Wird die Pandemie unsere Welt, die Medizin verändern, verbessern? Wir sollten die Erfahrungen dieser Zeit nutzen, meint Professorin Dr. Dr. Bettina Pfleiderer. Die Naturwissenschaftlerin und Ärztin ist Past-Präsidentin des Weltärztinnenbundes gefragte Referentin in aller Welt. Wir sprachen mit ihr im Vorfeld unserer internationalen Tagung „Pandemie und Gendermedizin: Prävention und Gesundheitsförderung neu gedacht“.

Wir sind noch mitten in der Pandemie, viele Fragen dazu sind längst nicht beantwortet, andere tun sich auf. Zum Beispiel darüber, ob und was die Erfahrungen der Pandemie verändern könnten ...

Prof. Pfleiderer: Ich glaube, dass sich viel verändern wird. Dass wir in den letzten fünfzehn Monaten nicht mehr unbeschwert in den Urlaub fliegen konnten, ist sicher zunächst eine Einschränkung persönlicher Bewegungsfreiheit, aber mit Blick auf Umwelt und Klima auch in Zukunft notwendig und sollte zu bewussteren Entscheidungen führen. Ich hoffe, dieser Gedanke setzt sich durch.

Viele Kontakte, auch internationale Konferenzen und Meetings fanden und finden virtuell statt. Ich habe, noch immer sehr eingebunden in die Arbeit des Weltärztinnenbundes, selbst vielfach an solchen teilgenommen. Anfangs dachte ich, dass dies nur Nachteile haben würde, aber es gibt auch neue Möglichkeiten und andere Türen, die sich öffnen. Beispielsweise sprach ich Mitte Mai auf der Jahrestagung der Ärztinnen Panamas und der panamerikanischen Region über die negativen Folgen der Pandemie in der Gruppe der schwangeren Frauen und Mädchen und warum gerade diese einem erhöhten Risiko von häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Natürlich fehlt der persönliche Kontakt, aber hat die konstruktive Arbeit gelitten? Ich glaube nicht in dieser Ausschließlichkeit. In bestimmter Weise kann man auch virtuell gut miteinander arbeiten. Aber was doch fehlt, sind die Gespräche in den Pausen und beim gemeinsamen Essen, das Verstehen des kulturellen Kontexts und der Raum für Diskussionen; virtuell nur bedingt möglich. Meine Vorstellung ist, dass wir uns nach dem Ende der Pandemie zwar wieder persönlich begegnen, aber dass sich das mit virtuellen oder hybriden Treffen abwechseln sollte. 

Mich beschäftigen die Berichte über eine Zunahme von häuslicher Gewalt, oft unzumutbare Belastungen gerade für Frauen im Homeoffice bei gleichzeitiger „Beschulung“ der Kinder, die Anforderungen, denen die Beschäftigten im Gesundheitssystem, und auch dies sind wieder vor allem Frauen, zum Beispiel auf den Intensivstationen ausgesetzt waren. Die Pandemie zeigte, wie weit wir in vielen Fragen noch von Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern entfernt sind! Ich kann nur hoffen, dass diese Anerkennung der geleisteten Arbeit von Frauen - nicht nur während, sondern natürlich auch vor der Pandemie - nicht vergessen wird, wenn ein vermeintlicher „Alltag“ wieder beginnt.

Hat Corona die Medizin vorangebracht?

Prof. Pfleiderer: Die Geschwindigkeit, mit der Impfstoffe entwickelt wurden, ist beeindruckend, auch wenn noch nicht alle Fragen abschließend geklärt sind. Ich würde mir wünschen, dass die wissenschaftliche Debatte zu all diesen Fragen so erfolgen würde, dass Verunsicherungen bei denen, die dies ja täglich über die Medien verfolgen, nicht geschürt, sondern abgebaut werden. 

Positiv ist aber festzuhalten, dass die Pandemie die geschlechtersensible Medizin mehr in den Fokus des Interesses geholt hat. Warum? Darüber lässt sich diskutieren. Viele Erkrankungen wie z.B. Autoimmunerkrankungen finden sich häufiger bei Frauen, aber dies wurde vor der Pandemie kaum wahrgenommen. Global wurde nun nachgewiesen, dass Männer häufiger und schwerer an Corona erkranken und öfters im Vergleich zu Frauen daran versterben. Experten und Expertinnen aus dem Bereich der geschlechtersensiblen Medizin können wertvolle Hinweise geben, um dies besser zu verstehen. Dies eröffnet nicht nur für die Therapie unterschiedliche und wirkungsvollere Ansätze, sondern auch für den Einsatz der Impfstoffe, für Strategien zu deren möglichem differenzierten Einsatz und mit Blick auf Medikamente gegen schwere Verläufe von beispielsweise Covid-19. Ganz wichtig finde ich es auch, wenn diese Erkenntnisse bezüglich der vieldiskutierten Folgeschäden - „late Covid-19“ – ob körperlich oder mental – in Abhängigkeit von Geschlechtsaspekten berücksichtigt werden.

Im vergangenen Jahr haben Journalistinnen und nicht zuletzt auch wir vom Netzwerk eine stärkere Präsenz von Wissenschaftlerinnen in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte um die Pandemie eingefordert. Haben wir etwas erreicht?

Prof. Pfleiderer: Ja, auf jeden Fall! Man kann trefflich darüber streiten, ob alle, die gehört wurden und werden, immer diejenigen sind, Männer wie Frauen, die die besten und sinnvollsten Lösungsansätze zu bieten hatten und haben. Aber immerhin – nach anfänglicher Männerdominanz zu Beginn der Pandemie - kommen jetzt auch Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen, Soziologinnen, Kommunikationsfachfrauen und viele andere zu Wort. Dies hat den Debatten keinesfalls geschadet, und viele der bisher unbekannteren Namen und Gesichter sollten wir uns merken.

Im Rahmen des Weltärztinnenbundes hat das Thema „Pandemie und Frauen“ unter weltweiten Gesichtspunkten noch eine ganz andere Dimension. Da geht es beispielsweise um Menschenrechte wie z.B. fehlende Zugangswege zu Impfungen, um den Zusammenbruch von Gesundheitssystemen, und das nicht nur in Schwellenländern, und um die Entwicklung von Gestaltungsvisionen für die Zukunft. Auch hier bin ich auf die nächsten virtuellen Debatten gespannt. Zum Beispiel war ich Teilnehmerin auf einer Paneldiskussion des US-amerikanischen Ärztinnenverbandes, die sich Anfang März mit dem Thema Impfen und Geschlecht befasst hatte. Eine Thematik, die lange vor der Pandemie schon im Raum stand. Wer weiß schon, dass in Deutschland die Zahl der weiblichen Impfskeptiker deutlich größer als die der Männer? Über die Gründe ist noch nicht genug bekannt. Daher - es gibt noch viel zu tun!